Programm
.. bis neulich
Unter
dem Titel “Bis Neulich” spielt Volker Pispers ein munter vor sich hinwucherndes
und mutierendes Kabarettprogramm, das im Herbst 2002 als BEST OF aus
20 Jahren das Bühnenlicht erblickt hat und mittlerweile eine ständig
aktualisierte, wilde Mischung aus ganz alten und ganz neuen Texten ist.
Als “Kabarettprogramm in progress” ist kein Abend genau wie der andere,
und wenn Sie “Bis Neulich” ein paar Monate später wieder besuchen, werden
Sie schon wieder Einiges vermissen, was Sie heute gehört haben und Einiges
hören, was Sie heute zwangsläufig vermissen mußten.
So spiegelt das Programm den Zustand der Republik: Das Immerneue im
Ewiggleichen. Denn während uns der Medienzirkus mit seinen Sprechblasenjongleuren
vorgaukelt, daß ständig etwas passiert, tut sich bei den grundlegenden
Problemen so gut wie gar nichts.
Seinen grundlegenden Stil hat Volker Pispers dabei über die Jahre nicht
verändert. Er ist der freundliche und scheinbar harmlos daherredende
Conférencier geblieben, der - eben noch lächelnd - plötzlich hundsgemein
werden kann. Respekt sucht man in Pispers´ Programmen vergeblich. Unverblümt,
kraß und direkt pendelt er zwischen bitterböse und charmant-witzig,
wenn er die Absurditäten der Welt zu Ende denkt. Seine Verarbeitung
von Zitaten, seine gewagten Rechenoperationen und seine Zukunftsszenarien
versöhnen das Publikum durch ein befreiendes Lachen mit seiner eigenen
gefühlten Wirklichkeit.
Kritiken
Zornentbrannt durchs Land der Schizos
Der Düssledorfer beweist einmal mehr, daß er Deutschlands treffsicherster politischer Kabarettist ist
Sind wir nicht alle ein bißchen schizo? Volker Pispers hat Belege dafür. Zum Beispiel ist große Mehrheit der Deutschen gegen den Afghanistan-Einsatz und für die Rücknahme der Hartz-IV-Gesetze - wählt aber brav die Parteien, die konträr zu ihrem Willen handeln. Weiter: 70 Prozent der Bevölkerung sind mit der Regierung völlig unzufrieden, aber von der Kanzlerin begeistert. Obwohl die Frau doch laut Pispers ein "Umluftherd" ist: "Mit der heißen Luft, die sie selbst erzeugt hat, bäckt sie dann ihre Allgemeinplätzchen auf." Perfiderweise kann Pispers das sogar belegen: "Die Probleme können nur gemeinsam gelöst werden", zitiert er sie - und zwar wortgleich beim Afrikagipfel, bei ihrer Nahostreise und der Weltklimakonferenz.
Auch bei seinem Auftritt am Mittwoch im Pullacher Bürgerhaus warf der Düsseldorfer Kabarettist also wieder all das in die Waagschale, was ihn seit einiger Zeit zum satirischsten, bösesten, wahrhaftigsten, sagen wir es klar heraus: zum besten politischen Kabarettisten der Republik macht. Keiner recherchiert so gründlich und kann deshalb den Politikern ihre Worthülsen und dürftigen Arbeitsergebnisse so schmerzhaft um die Ohren schlagen. Vor allem aber bringt keiner den komplexen uns umgebenden Wahnwitz so genial auf den Punkt - oft rechnet er ihn einfach aus. Zum Beispiel wenn er das "leistungsbezogene" Gehalt des ehemaligen Daimler-Chefs Jürgen Schrempp (der nebenbei den Aktienwert seines Unternehmens halbiert hat) dem Einkommen einer Krankenschwester ("... die müßte im Jahr 500 vor Christus zu arbeiten anfangen, um auf dasselbe zu kommen") gegenüberstellt. Um "die alte deutsche Tradition" zu belegen, daß der, der ruft: 'Da liegt Arbeit herum. Macht die mal einer, aber zackig!' mehr verdient als der, der sie dann macht." Oder wenn er die Kosten des ergebnislosen G-8-Gipfels in Heiligendamm ("100 Millionen für Gruppenwichsen hinter Stacheldraht") mit den aktuellen Summen der China- und Birma-Hilfe vergleicht (3,5, und 1,5 Millionen).
Die Positionen des "Freundes offener Worte" darf man wohl links nennen. Wohl gerade deshalb, aus Enttäuschung also, ist es die SPD, die die schallendsten Ohrfeigen abbekommt - von Schröder ("typisch billiger Roter: ganz schwach im Abgang") über Clement ("mittelmäßiger Journalist, der alles was er ist, der SPD verdankt, und jetzt die Hand beißt, die ihn gefüttert hat") bis zu Beck ("und wir haben über Scharping gelacht"). Und weil etliche Befunde seines stets aktualisierten Best-of-Programms „Bis Neulich“ - vom angeblichen Ärztesterben ("das ist ein zähes Pack") bis zur Bildungsmisere - bis zu 17 Jahre alt sind, überkommt Pispers ein immer wütenderer heiliger Zorn.
Da reder er dann Tacheles, nennt Spitzenmanager "raffgieriges asoziales Gesindel" und holzt gegen diverse Berufsgruppen. Und es wird ganz ruhig im Saal, wenn er auch das Geschäft der Politiker mit der Angst anprangert, indem er es ausrechnet: Im Vergleich mit den Toten im Verkehr, durch ärztliche Fehler oder Volksdrogen wird da der islamistische Terror, laut Innenminister Schäuble "die größte Gefahr des 21. Jahrhunderts", ganz klein mit Hut.
Gut möglich, daß mancher nach drei Strunden Pisperschen Breitband-Antiidiotikum mehr mit nach Hause nahm, alles nach einem üblichen Kabarettabend. Jedenfalls kann keiner, der nun wieder ohne aufzumucken beim alltäglichen Wahnwitz mitmacht, sagen, er hätte von nichts gewußt. Als Entschuldigung bleibt dann nur: Wir sind halt alle ein bißchen schizo.
Oliver Hochkeppel / Süddeutsche Zeitung 30.5./1.6.2008

